Das Bild von der Schere in der Gesellschaft ist ein bekanntes: Auf der einen Seite Geringverdiener, die sich gerade so über Wasser halten können, auf der anderen Seite Banker und Manager mit Supergehältern, mit denen ein Leben weit über dem Standard möglich ist.
Dass die Schere sich in Zeiten der Finanzkrise, wo durch den sinkenden Unternehmensgewinn bedingt auch die Managergehälter nach unten purzeln, schließt, täuscht. Vielmehr kann man von einer gesamten Verschiebung nach unten sprechen. Denn mit den Unternehmenspleiten kommen jedes Mal auch eine Menge Arbeitslose dazu. Und während dies für den unterständischen Angestellten die Frage der Existenz bedeutet, steht bei den meisten Managern nicht viel auf dem Spiel: Es mag sie stören, ob es eine Null mehr oder weniger ist, an ihrem Lebensstandard wird sich nicht viel ändern.
Gerade jetzt in der Krise wird das Ausmaß der Schere deutlich und angesichts solcher Fälle wie den Bonuszahlungen in der staatsgestützten AIG werden Proteste der Masse erstmalig so laut, dass die Politik agiert. In den USA schlüpfte ein Gesetzesentwurf zur 90 Prozent-Steuer auf Zusatzgehälter in Rekordtempo durch die Gesetzgebung. Die deutschen Parteien überbieten sich gegenseitig in ihren Antworten auf die Protestrufe: Die CSU will Managern von Unternehmen, die Staatshilfe beziehen, die Boni ganz streichen, Gewerkschaften fordern eine Steuer von 80 Prozent auf alle Gehälter über zwei Millionen Euro und die Linken denselben Steuersatz schon auf Gehälter von 600.000 Euro. Dieser plötzliche politische Eifer kann den Eindruck nicht verwehren, man sei nur auf Wählerstimmen aus. Denn als die Hetze gegen Manager noch nicht so offenkundig und laut war, tat die Politik nichts in diesem Gebiet. Und dieses Problem der Schere besteht in Deutschland beileibe schon viel länger als erst seit einigen Wochen.
Vorangehende Beschränkungen der Politik auf dem Gebiet der Topgehälter waren schwammig und weit interpretierbar. So sagt der Paragraph 87 des Aktiengesetzes:
Der Aufsichtsrat hat bei der Festsetzung der Gesamtbezüge dafür zu sorgen, dass die Gesamtbezüge in angemessenem Verhältnis zu den Aufgaben des Vorstandsmitglieds und zur Lage der Gesellschaft stehen.
Was ein „angemessenes Verhältnis“ im Bezug auf die tatsächlichen Verrichtungen des Managers und seinen Beitrag zur Gesellschaft ist, kann keiner genau sagen. Die Verantwortlichen selbst kannten die Antwort offenbar genau. Aufsichtsräte legten die Gehälter ihrer Manager fest und da sie im selben Boot saßen, verloren sie augenscheinlich ihren Bezug zur Wirklichkeit. So kassierten die Manager der AIG insgesamt 218 Millionen Dollar. Nun sollen, um die Problematik der gegenseitigen Beschenkung zu lösen, die Aktionäre das Managergehalt mitbestimmen. Meiner Ansicht nach eine gute Sache.
Um noch mal auf die Definition des „angemessenen Verhältnisses“ zurückzukommen. Ich will nicht bestreiten, dass die Verdienste der Unternehmensführer und Bankenchefs für unsere Wirtschaft ungeheuer wichtig sind. Im Endeffekt sorgen Ackermann § Co für Arbeitsplätze und den Fluss der Finanzströme. Dennoch stehen ihre Gehälter in keinerlei Verhältnis sowohl zum Gehalt eines Durchschnittverdieners als auch zu dem, was sie tatsächlich benötigen. Bleiben wir bei Ackermann: Er verdiente im Jahr 2007 14 Millionen Euro. 2008 waren es nur noch 1,4 Millionen Euro. Wird er dadurch arm? Das Geld, das er durch Privataktien und Großinvestitionen (in Yachten und Villen) zurück in die Wirtschaft pumpt, ist für die Gesamtwirtschaft verhältnismäßig irrelevant. Er ist mit einem Betrag von 1,4 Millionen Euro mehr als genug bedient und sollte den Rest des Geldes dem Unternehmen oder dem Staat zur Verfügung stellen. Das gilt nicht nur für Ackermann, das gilt für alle Bankenchefs und Unternehmensführer mit exorbitanten Gehältern. Wer den (teilweise berechtigten) Ruf als Verursacher der Finanzkrise loswerden will, sollte Solidarität zeigen.
Ob die Grenze für Versteuerung nun bei 600.000 € oder bei 2.000.000 € angesetzt wird, ist eine Detailfrage. Dass überhaupt etwas getan wird, ist ein guter Impuls, vor allem für die soziale Lage. Wenn dies nun auch noch aus Einsicht und nicht nur aus politischem Kalkül getan würde, könnte man mit der Politik fast zufrieden sein.



