Von wegen: Überproduktion trägt in der Wirtschaft einen nicht unerheblichen Teil zur sozialen Ungerechtigkeit bei. Und dass in einem kapitalistischen System zwangsläufig mehr produziert als nachgefragt wird, lässt sich nicht nur an Butterbergen und Milchschwemmen belegen. Es ist eine Eigenschaft, die unweigerlich mit den Grundzügen des Kapitalismus einhergeht.
Der Kapitalismus lebt nämlich davon, dass eine Person, die Produktionsmittel besitzt, mithilfe von produzierendem Personal Profit für sich selbst erwirtschaftet. Dieser Gewinn entsteht, weil die Arbeiter mehr produzieren, als ihnen in Form von Löhnen ausgezahlt wird. Diesen Mehrwert der Produktion erhält der Kapitalist, der Besitzer der Produktionsmittel, zur Vergrößerung des eigenen Vermögens. Der Arbeiterlohn hingegen dient nicht der Bereicherung, sondern allein der Befriedigung der Lebensbedürfnisse. Daraus ergibt sich aber auch, dass immer mehr produziert wird, als die arbeitende Klasse tatsächlich konsumiert, weil die zum reinen Profit produzierte Ware keinen Abnehmer findet. Der Bedarf der arbeitenden Klasse ist durch das Äquivalent ihrer Lohnauszahlung nämlich gedeckt.
Am einfachsten kann man sich diesen sehr komplizierten Zusammenhang mit einem konkreten Gedankenspiel verständlich machen:
Vereinfachen wir die Wirtschaft auf ein Lohn- und Arbeitsverhältnis zwischen einer Person, die im Besitz von Backöfen und (einer unendlichen Menge an) Teig ist, und zehn Personen ohne relevanten Besitz. Die zehn Personen backen für ihren Arbeitgeber 15 Brote am Tag. Der Arbeitgeber will natürlich einerseits Gewinn machen, andererseits muss er aber auch seine Angestellten bezahlen und ihnen eine Existenz ermöglichen. Darum gewährt er jedem seiner Angestellten einen Lohn von 1 € pro Tag, das dem Marktwert von einem Laib Brot entspricht. Von diesem Gehalt kaufen sich die Arbeiter in diesem komprimierten Wirtschaftsmodell ihren Lebensbedarf direkt vom Arbeitnehmer – ein Brot pro Tag. Damit wäre ihr Lebensstandard gedeckt, ihr Vermögensstand bleibt ausgeglichen.
Es bleiben jedoch noch die fünf Brote, die produziert wurden, um dem Arbeitgeber einen tatsächlichen Gewinn zu ermöglichen (die nicht zur Finanzierung des Lohns produziert wurden). Diese Brote wird er nicht los, da der Bedarf der konsumierenden Klasse einerseits gedeckt ist, andererseits gar kein Geld vorhanden ist, womit diese Klasse das Brot finanzieren könnte.
Doch er bleibt nicht nur auf der Ware sitzen, sie schadet sogar: Da er für jeden Laib Brot 10 Cent Stromkosten mit einberechnen muss, hat er zusammen mit der Lohnauszahlung 11,50 € für die Produktion ausgegeben. Eingenommen hat er dagegen nur die zehn Euro, die ihm seine Arbeitnehmer für das Brot gaben. Darum bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Produktionskosten zu senken, um trotzdem Gewinn einzufahren. Dies kann er angesichts fixer Stromkosten nur mit einer Lohnsenkung für seine Arbeitnehmer erreichen. Da er mit voraussichtlichen Einnahmen von 10 € rechnet, reduziert er den Lohn von 1 € auf 70 Cent. So bliebe ihm abzüglich Stromkosten ein Reingewinn von 1,50 €. In der Rechnung. Tatsächlich wird er nie auf eine Einnahme von 10 € kommen, da seine Angestellten nur über insgesamt 7 € verfügen. Wieder bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinen Gewinn mittels Lohnsenkung zu kompensieren, bis er sich irgendwann bei einer Bank verschulden muss. Währenddessen müssen seine Arbeitnehmer ihren Konsum von Brot reduzieren, da sie mehrere Tage für einen Laib Brot arbeiten müssen.
In der Realität wird dieser Vorgang von staatlichen Subventionen, Sozialleistungen, Expansionen und Kreditgeschäften überdeckt. Hinzu kommt, dass die tatsächliche Komplexität des Wirtschaftssystems nicht davon ausgeht, dass es nur ein Konsumprodukt und eine Zielgruppe gibt.
Die Komprimierung auf ein solches Gedankenexperiment zeigt aber, dass ein auf Gewinn ausgerichtetes Wirtschaftssystem unweigerlich zu Überproduktion und somit zu wirtschaftlichem Verlust sowie sozialem Niedergang führt.
Mehr Artikel zu dem Thema (sehr links, aber informationsreich):
Die Überproduktionskrise zeigt die Möglichkeit des Kommunismus
Vom Ende des Marktes über die Tauschwirtschaft zur Basisplanwirtschaft
Die Überproduktionskrisen des Kapitalismus
Und noch eine Beispiel-Statistik, die einen Trend zur erhöhten Produktion im Vergleich zur geringeren Nachfrage bestätigt.